Das wir eine ganze Woche, alle sieben Tage, an einem Ort verbringen, so war das eigentlich nicht geplant. In der Retrospektive, hier aus dem komplett synthetischen Coffeeshop am Flughafen in Colombo betrachtet, fällt es mir fast schon schwer mich genau zu erinnern, wie das eigentlich kam.

Vor mir steht ein Eiskaffe zum Preis eines leckeren Rice and Curry Menüs für zwei. Er scheint zwar zu schwitzen, strengt sich aber doch nicht sonderlich an, meiner Erinnerung auf den Sprung zu helfen.

Doch! So war’s! Alles fing damit an, dass man kein Zimmer für uns hatte.

Oder fangen wir noch etwas früher an. Andi und ich saßen also in Colombo. Wir fühlten uns ausurbanisiert und übertempelt. Es war Zeit zum entspannenden Teil über zu gehen. Gut, große Biertrinker sind wir in Sri Lanka nicht, aber der Gedanke mit einem kalten Getränk an einem Strand zu sitzen, in den Sonnenuntergang zu starren und genau gar nichts auf der Agenda zu haben, war plötzlich deutlich attraktiver als noch vor dem kulturellen Dreieck.

Wir hatten noch eine Woche Zeit, keine konkreten Pläne und bisher auch ziemlich sparsam um nicht zu sagen spartanisch gelebt. Seit einem Urlaub in Zandvoort, Holland hatte ich da so etwas im Hinterkopf, und da war doch auch etwas im Reiseführer…?

Gesucht, gefunden, Schatz, lass und nach Kalpitiya fahren und Kitesurfen lernen!

Kalpitiya ist ein kleines, und laut Reiseführer auch ziemlich Gottverlassenes, Dörfchen etwa 150km nördlich von Colombo. Es ist ebenfalls der einzige Kitespot in ganz Sri Lanka.

Wir machen uns also, noch in Colombo, auf die Suche nach einer Kite-Schule und einem Hotel. Unter der Nummer im Reiseführer erreichen wir niemanden, finden aber über Trip-Advisor eine Alternative. Wir sollen einfach kommen, alles kein Problem, yes Mister, jaja, superdoll, auf geht’s!

Nach sechs Stunden Busfahrt im langsamsten Public Bus diesseits des Kongo, rocken wir also an und erfahren erst mal das kein Zimmer mehr frei ist. Mein Gesprächspartner macht leider den Eindruck entweder völlig überfordert zu sein, oder das eigene Gehirn im Marmeladenglas neben dem Bett aufzubewahren. Ist ja auch absurd, die reservieren nicht nur, die kommen auch noch!

Netterweise wird uns ein Bude nebenan angeboten. Den simplen Bungalow mit Betonboden und Strohdach gibt es auch schon für 50 USD. Pro Nacht. Pro Nase. Autsch. Dafür aber mit Verpflegung.

Geiles Argument in einem Land, in dem wir selten mehr als drei Euro für ein dickes Mittagessen zu zweit ausgeben.

Das der Kerl mit dem Marmeladenglas uns nicht mal definitiv sagen kann, ob wir am nächsten Tag überhaupt einen Kurs machen können, bringt das gerade über laufende Fass zur Explosion.

Wenig später sitzen wir in einem Nobelressort für einen verträglichen Preis, lassen uns einen frischen Pineapplejuice sowas von schmecken, planen den ersten Sprung in den Pool und erfahren, dass unser Kitelehrer Abends kommen und den nächsten Tag mit uns planen wird. Okay, dekadent aber leider geil.

Kitesurfing stellt sich als großer Spass raus, selbst wenn uns die Windgötter nicht völlig huld sind. Die ganze Sache ist allerdings etwas schwieriger, als es auf Anhieb den Anschein hat. Als Tänzer sollte man es eigentlich gewöhnt sein, wenn die Füße etwas anderes machen als die Arme, doch wenn schon der Kite 120% der verfügbaren Aufmerksamkeit fordert, dann wird es schwer auch noch ein Board unter Kontrolle zu halten.

Kalpitiya selbst ist zwar ziemlich genau das Nest, als das es beschrieben wurde, wir finden es aber ganz klar viel charmanter als Colombo. Hier sind die Leute wieder neugierig, freundlich, nett. Wir bekommen leckeres Rice and Curry bei Mr. Nalim, es gibt einen Supermarkt, einen Laden in dem Andi sich mit genug Schals für den Rest ihres Lebens eindeckt und frisches Currypowder für die trübe Zeit nach dem Urlaub. Was braucht man schon mehr?

Die erste Kolonialmacht Portugal ist zwar längst wieder verschwunden, sie haben der Gegend aber zwei Geschenke da gelassen. Den Katholizismus und einen Haufen mittlerweile wild lebender Esel.

Die Esel waren ursprünglich mal als Lastentiere gedacht. Gegessen werden sie nicht und heute spannt der Sri Lankaner lieber die Kuh vor die Kutsche. So leben die Esel hier vor sich hin, stehen auf der Strasse rum, galoppieren gelegentlich durch den Sonnenuntergang und bilden ein netten Kontrast zu den allgegenwärtigen riesigen Windrädern. Die Energiewende ist offensichtlich auch in Sri Lanka angekommen

Die Katholische Religion ist bei weitem nicht nur in der Gegend von Kalpitiya verbreitet. Eigentlich handelt es sich sogar um eine vorwiegend Muslimische Region, doch selten sehen wir so viele Kirchen auf einmal. Die Gotteshäuser sehen zwar manchmal eher aus wie Puppen-Häuser, doch werden sie offensichtlich in Stand gehalten, von Zeit zu Zeit frisch gestrichen und auch benutzt. Wir sehen zwar nie jemanden vor Ort, doch gut in Schuss sind sie alle.

Ziemlich schnell ist uns ziemlich klar, wir bleiben einfach hier. Wir haben Strand, lecker Essen, Hoffnung auf Wind, Hängematten, einen Pool und genau gar nix auf der Agenda ausser zum Strand gehen und mit dem Kite zu ringen…

An einem völligen Flautentag bekommen wir von Kitelehrer Tom ein Angebot. Der Wind ist nix, also warum nicht zwei Jetskis nehmen, über die Buch fahren und im angrenzenden Nationalpark lunchen. Echt jetzt? Mit Jetskis in den Nationalpark? Über die Bucht?

Ganz ohne Frage eines der Highlights des Urlaubs, ich zumindest kann mich nicht erinnern, jemals mit einem Jetski auf - zumindest gefühlt - hoher See durch einen malerischen Sonnenuntergang gedüst zu sein. Schöner Notnagel.

Kalpitiya hat für uns nur einen entscheidenden Nachteil: Die Zeit vergeht einfach viel zu verdammt schnell. Eigentlich könnten wir hier noch Wochen lang auf Wind warten, in den Pool springen, Rice and Curry bei Mr. Nalim futtern, mit dem Roller über die Buckelpisten holpern, Tom und seiner Frau Dana Fachsimpeleien über Kites, Bars und Boards aus der Nase ziehen, mit den Locals Smalltalk betreiben, den schärfsten Veggie Roti suchen, im Sonnenuntergang über die Lagune schauen, uns durch die tausend und drei verschiedenen Früchte probieren über die Esel mitten auf der Straßen lachen, oder ganz einfach genau gar nix tun.

Die nächste Station heißt zu Hause, Arbeit, Schnee, Kollegen und Freunde. Grund zum Klagen haben wir nicht.