Praying (Kandy, Sri Lanka)

Nachdem ich Ella als eher so lala empfunden hatte, freute ich mich darauf endlich mal eine echte Sri Lankanische Stadt kennen zu lernen. Bisher hatten wir uns ja eher am Meer und im Hochland rum getrieben. Kandy - der Name hat übrigens nix mit Süßigkeiten zu tun - sollte dann zum ersten Mal einen Einblick in so etwas wie Stadtleben geben.

Es ist aber wirklich nur ein kleiner Einblick, entpuppt sich die Siedlung rund um See und Zahntempel doch als ziemlich beschauliches Städtchen, in dem mit Einbruch der Dunkelheit die Bürgersteige - so vorhanden - hoch geklappt werden.

Kandy, Sri Lanka

Trotzdem kann die Gegend doch mit ein paar Attraktionen aufwarten, der Besuch lohnt sich.

Auf zum Zahn

Größter Publikumsmagnet in Kandy ist sicherlich der Zahntempel. Ich hatte mich in der Reisevorbereitung besonders in intensiver Ignoranz geübt. Der Reiseführer wurde natürlich gekauft und verstaubte dann erst mal Monate lang auf meinem Nachttisch.

The View(Temple of the Tooth Relic, Kandy, Sri Lanka)

Gelegentlich kamen dann diese Gespräche: Nach Sri Lanka also, soso, aha, dann auch unbedingt Zahntempel anschauen, Jaja, natürlich, ganz feste geplant, dieser Zahntempel. Das war’s dann aber auch erst mal wieder. Hängen blieb einfach nur das Schlagwort.

Temple of the Tooth Relic, Kandy, Sri Lanka

Zahntempel also, irgendwie hatte ich ja wirklich gedacht, das wäre ein Tempel, der aussieht wie ein Zahn. Vielleicht funktionierte er auch wie dieser Schlangentempel, oder der Rattentempel, von dem man immer mal wieder hört. Freilaufende Zähne also auf dem ganzen Gelände. Zeigen sich die Leute dort vielleicht ihre Zähne?

Alles Quatsch natürlich. Mal ganz von vorne: Buddha stirbt irgendwann in grauer Vorzeit. Übrig bleiben nach einer Kremation neben ein paar anderen unverbrennbaren Teilen des Erleuchteten eben auch ein Backenzahn. Dieser wird mal hierhin, mal dorthin geschmuggelt, verschwindet, wird angeblich zerstört, taucht wieder auf, vollbringt auf dem Weg ein paar Wunder und landet schließlich in Sri Lanka.

Kandy, Sri Lanka

Hier wird er zum größten, nationalen Heiligtum und ist auch was ganz dickes für die Buddhistischen Singhalesen und natürlich nebenbei noch ein fettes Legitimationsplus für den jeweiligen Herrscher. Daher zieht der heilige Backenzahn mit jeder Verlegung der Hauptstadt mit, wird ein paar mal evakuiert, wenn irgendwelche Tamilischen, Indischen oder sonst welche Barbaren vor der Hütte stehen und landet schließlich in Kandy.

Dort liegt er noch heute und wird ein mal im Jahr durch die Straßen paradiert, so weit so knorke. Freilaufende Zähne sieht man dagegen keine, statt dessen ist erführchtige Stimmung, der Duft nach Lampenöl und Räucherstäbchen, Bodhi Bäume und viel Gebetsmurmeln angesagt.

Woodwork (Temple of the Tooth Relic, Kandy, Sri Lanka)

Der Palast ist - wie üblich - ein relativ weitläufiges Gelände, auf dem sich allerlei wichtige Menschen mit Stupas, Tempeln und Pagoden verewigt haben, so das der eigentliche, heilige Ort fast ein bisschen untergeht. Im Inneren des zweistöckigen Holzbaus sammeln sich die Gläubigen vor dem Aufbewahrungsort der heiligen Relique, in einem erstaunlich unverschnörkelndem holzverkleidetem Gang.

Wie bisher in jedem Tempel, ist es hier auch eine wunderbare Gelegenheit zum People Watching. Die Leute sind unverkrampft, freundlich, lächeln viel und halten auch gerne mal ein kurzes Schwätzchen. Mir gefällt’s.

Tempel of the Tooth Relic (Kandy, Sri Lanka)

Neben den Menschen, treibt sich hier auch mal wieder die gesamte Palette an Haus, Hof und Kuscheltieren rum. Wir treffen die obligatorischen Hunde, Katzen, Streifenhörnchen und Affen, skurilerweise laufen uns sogar schon vor dem Tempel ein paar Hühner über den Weg. Den Hahn treffen wir dann drinnen wieder.

Ich habe so den Eindruck das alle möglichen Tiere gerne in Buddhistischen Tempeln rum hängen, wahrscheinlich weil sie hier im wesentlichen in Ruhe gelassen werden.

Leaving (Temple of the Sacred Tooth Relic, Kandy, Sri Lanka)

Interessanterweise ist hier auch wieder ein aktiver Hindu-Tempel untergebracht. Später lese ich in diesem Internet, Buddha sei eine Inkarnation einer hinduistischen Gottheit. Name und Bedeutung sind mir ob der verwirrenden Vielfalt an potentiellen Kandidaten allerdings entfallen. Überraschenderweise bekommt man in einem Nebengebäude auch den ausgestopften Elefanten zu Gesicht, der die Reliquie einige Jahrzehnte zur Parade durch die Straßen tragen durfte.

Alles in allem ein schöner Ort, nachdem wir allerdings mal wieder einen brutal frühen Tag mit einer langen Bahnfahrt gestartet haben, sind wir aber auch ganz früh, den Abend früh im Hostel ausklingen zu lassen.

Schlingeleien am Morgen, oder zu Besuch im botanischen Garten

Okay, ich, habe das Wort Schlingel benutzt. Wahrscheinlich bin ich mein eigener Opa, zumindest was den Sprachgebrauch betrifft. Mein Opa war allerdings ein untersetzter Pfälzer mit - zumindest in meiner begrenzten Erfahrung - viel Durchsetzungsvermögen, aber wenig Humor. Insofern dürfte Schlingel zum eher verstaubten Vokabular gehört haben.

Wie dem auch sei, wir erleben sie, die Schlingel, und das kam so:

Auf Anraten der wunderbaren Betreiberin unseres wirklich wunderbaren Guesthouse wollen wir den botanischen Garten besichtigen. Auf dem Weg dorthin beschließen wir noch eine Stop auf einem lokalen Markt einzulegen. Photo oportunity und so. Auf dem Weg zum Markt wiederum kommen wir an einem - augescheinlich hinduistischen - Tempel vorbei.

Mit der Nonchalance des geübten Touristen weichen wir vom gefassten Kurs ab, lassen geschmeidig die Flipflops vom gebräunten Fuße gleiten und beginnen einen Blick in den Tempel zu werfen.

Random Temple (Kandy, Sri Lanka)

Hübsch, hübsch, nett, nett denken wir uns, als wir zwischen Blaugrünroten Gottheiten umher flanieren. So ca. auf 180° der Tempelkreisbahn werden wir von einem kleinen Männchen im obligatorischen, südasiatischen Männerrock sanft in ein Zimmer bugsiert, in dem sich ein Buddhistischer Mönch befindet. Wir bekommen ein Bild von Mönch und dem Dalai Lahma gezeigt, machen sanfte Laute voller Anerkennung, bevor wir einen Sitzplatz zugewiesen bekommen.

Ach ja, hm, hm, denken wir uns, bevor der Mönch beginnt uns die Hand auf den Kopf zu legen, uns mit seinem Fächer zu befächern und heilige Worte zu murmeln.

Uns wird - wahrscheinlich in der selben Nanosekunde, klar:

Das wird teuer.

Irgendwann erfahren wir: Wir kommen in der nächsten Fürbitte vor und das nur für erstaunlich günstige 2k Rupien. Pro Person. Autsch. Aber wie verhandelt man mit einem Mönch?

Temple Cat(Unknown Hindu Temple, Kandy, Sri Lanka)

Vielleicht wäre das etwas für Opa gewesen, wir bekommen zumindest zum Dank noch ein Bändchen ums Handgelenk geknotet und dürfen ein Foto der wild gemusterten Tempelkatze machen.

Wieder draussen, versucht uns Männerrock noch zum Hindupriester zu lotsen, wir machen uns lieber aus dem Staub, so viel Segen kann sich kein Mensch leisten.

Nachdem sich der Markt als reine Tourigeschichte entpuppt hat, hüpfen wir in das nächste Tuktuk und lassen uns zum botanischen Garten chauffieren.

Es ist eine riesen Anlage, wohl der zweitgrößte botanische Garten Asiens. Die Wege sind wunderbar breit und man könnte wahrscheinlich den ganzen Tag hier rum wandern, ohne am gleichen Riesenbambus mehr als einmal vorbei zu kommen. Auch heute noch, sieht der Park einfach verdammt nach Empire aus.

Kandy Botanical Gardens, Sri Lanka

Wem beim Anblick von Pflanzen nicht so unbedingt das Wasser in die Augen tritt, der kann sich statt dessen die Scharen von Leuten anschauen, die sich hier rum treiben, die meisten locals, daneben indische Großfamilien auf Urlaub und immer mal wieder ein paar Westerner. Interessanterweise scheint auch mindestens ein Kloster gerade Betriebsausflug zu machen.

Monks(Kandy Botanical Gardens, Sri Lanka)

Hier findet uns natürlich direkt der nächste Schlingel. You want to see a spider?, na logo alta. Kurz danach stehen wir auf einem Trampelpfad mit einem Gärtner zwischen Palmen, Farnen und anderem Grünzeug.

Der Kerl kennt sein Metier, und hält mir auch direkt ein Blatt hinter das Spinnennetz, damit die Kamera besser fokussieren kann. Dafür sollen es dann aber schon mal mindestens 100 Rupien sein. Fair enough. Die Spinne ist auf den ersten Blick auch mehr ein Event als ein Bändchen ums Handgelenk.

Spider (Kandy Botanical Gardens, Sri Lanka)

Manche Schlingeleien sind dann eben doch zum gegenseitigen Vorteil. Hübsch anzusehen ist der Achtbeiner auch.

Neben den Pflanzen und den Menschen hat der botanische Garten auch noch ein bisschen nette Tierwelt zu bieten. Wir stoßen natürlich auf die obligatorische Affenbande, hier mal wieder im braunen Pelz. Im Gegensatz zu früheren Begegnungen mit Affen, sind die Biester hier erstaunlich ruhig, gefasst und entspannt. Sie lassen sich wunderbar fotografieren und beäugen mich höchstens mal kurz skeptisch. Kommt man ihnen zu nahe, treten sie den Rückzug an.

Kandy, Sri Lanka

Ich erinnere mich an Begegnungen in Malaysia, bei denen es ziemlich aggressiv zuging. In Thailand musste ich so einem Biest sogar schon mal eine deftige Kopfnuss verpassen. Unschön für alle Beteiligten…

Monkey(Kandy Botanical Gardens, Sri Lanka)

Schon von weitem hören kann man die Kolonie an Flughunden. Wir können das Geräusch anfangs gar nicht so richtig zu ordnen. Am ehesten hört es sich an, als ob der weltgrößte Schwalbenschwarm sich zeternd auf dem eigenen Kopf nieder gelassen hätte.

Naiver Mensch der ich bin, hätte ich gedacht, das die Biester tagsüber schlafen.

Flying Foxes, not flying.(Kandy Botanical Gardens, Sri Lanka)

Weit gefehlt, Flughunde, so scheint es mir, sind zwar schon tagsüber recht verpennt, dafür aber auch ziemliche Arschgeigen. Und so kommt es da sie alle ständig damit beschäftigt sind, sich entweder gerade in die Lederflügel zu kuscheln und endlich mal die Augen zu zu machen, oder - es hat jemand am Ast gerüttelt - übellaunig zum Astnachbarn kraxeln und dem Mistkerl mal eben eine verpassen.

Flying Fox, flying.(Kandy Botanical Gardens, Sri Lanka)

Zu hunderten hängen sie hier in den Bäumen, meckern sich gegenseitig an, rempeln sich vom vom Ast, oder versuchen zu pennen. Das Ganze hat die Sozialdynamik eines Ameisenbaus voller soziphober Individualisten. Durchaus unterhaltsam also.

Kandydance, das Tourivollprogramm

Eigentlich wollte ich ja das gnädige Mäntelchen des Schweigens über diesem Abend ausbreiten, aber irgendwie gehört es doch zum Erlebnis dazu. Noch so ein Ding, das man hier in Kandy wohl unbedingt machen muss, ist sich eine traditionelle Tanzveranstaltung anzuschauen.

Persönlich wäre ich, als Alternative, auch gerne zu einem Zahnarztbesuch auf dem nächsten Mittelaltermarkt bereit gewesen, aber Tourismus verpflichtet. Also rein ins Vergnügen.

Kandy, Sri Lanka

Inhalt der Vorstellung sollen wohl die traditionellen Kriegstänze der Singhalesen sein. Auf den ersten Blick kann ich nur fest stellen, dass die Singhalesen wohl besser Krieg führten als Tanzen. Andernfalls wäre die Zahnreliquie wohl schon einem Betrunkenen, bewaffnet mit einem abgenagten Hühnerbein zum Opfer gefallen.

Okay, vielleicht bin ich etwas ungnädig.

Die Vorstellung hatte tatsächlich ein paar beeindruckende Aspekte. Das sich ein dicker Mann, behangen mit kiloweise Perlen plötzlich im Flic-Flac über die Bühne katapultiert, hat mich in der Situation wirklich überascht.

Insgesamt scheint es sich aber um eine einigermaßen lustlose Amateurtruppe zu handeln, die zudem einen Teil ihrer Bühnenzeit damit verbringt ihre kaputten Instrumente zurecht zu wurschteln.

Das praktische alle vorne liegenden Reihen für irgendwelche Reisegruppen reserviert sind, die dann teilweise nicht mal auftauchen, hebt meine Stimmung natürlich noch ein bisschen mehr.

Es ist eben ein Wechselbad der Gefühle, diese Reiserei. Den letzten Teil der Show - laufen über glühende Kohlen - sparen wir uns, so kommen wir zumindest noch in den Genuss nicht zusammen mit der Tourimeute aus der schwitzigen Halle ausgespuckt zu werden. Statt dessen können wir die angenehm leere Uferpromenade entlang flanieren und noch ein paar ungestörte Blicke über Zahntempel und See werfen.

Anderswo feiert man Sylvester

Kandy ist nicht unbedingt ein Zentrum urbaner Feierkultur. Wir wollen - mehr so der Vollständigkeit halber - mal abchecken ob irgendwo Sylvester gefeiert wird und klappern ein paar Bars ab. Nach einer wahnsinnig teuren Hotelbar, in der sich das Bier durch dezentes Seifenaroma auszeichnet, finden wir einen Laden der im Ambiente etwas an ein italienisches Eiscafe aus den frühen 90ern erinnert. Alles schön steril. Zu viel zu lauter Musik tanzen in der Mitte ein paar ziemlich verzweifelt wirkende Gestalten. Wir verlassen den traurigen Ort noch bevor wir ihn richtig betreten haben.

Celebrating New Year's(Kandy, Sri Lanka)

Zu guter letzt landen wir wohl in der einzig echten Bar. Sogar mir Alleinunterhalter in der Ecke. Aber auch hier werden um 23 Uhr die Schoten dicht gemacht. Es scheint da allerdings ein Schlupfloch zu geben. Kurz vor 11 kommt der Kellner und fragt, ob wir nicht vielleicht noch zehn Bier auf Vorrat bestellen wollen, weil sie die Bar dann wirklich so ganz richtig zu machen müssen.

Ausser uns sind hier nur noch ein paar ziemlich betrunkene Männergruppen am Start. Wir entschließen uns das Schlupfloch Schlupfloch sein zu lassen.

Nächste Station: Kultur

Als nächstes kommt für uns die ganz dicke Kulturpackung. Wir machen uns auf die drei wichtigsten Stätten des Sri Lankanischen Altertums anzuschauen: Polonaruwa, Sigirya und Anurathapura.

Ach ja: Der Zahn war natürlich vor uns auch schon da.