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Alles hat ein Ende, nur die Wurst hat zwei.

Jeder Karnevalist weiß es. Eigentlich und irgendwie ist unsere Reise in Peking zu Ende.

Moskau nach Peking, das ist die - oder zumindest eine von zwei Strecken - der Transsibirischen Eisenbahn. Moskau nach Peking: wir waren dabei.

Doch dieses Mal hat nicht nur die Wurst zwei Enden, sondern auch unsere Reise. Peking, das ist Ende Nummer Eins. Das Abenteuer Transsibirische Eisenbahn, wir sind fertig.

Vielleicht kommen wir irgendwann wieder. Wladiwosktok – Moskau im Winter, das stände noch auf meiner persönlichen Wunschliste. Wann? Steht in den Sternen, es ist definitiv Zukunftsmusik. Im Hier und Jetzt ist in Peking und für's Erste Schluss.

Unterwegs mit Jo'ann (Hongkong) Unterwegs mit Jo'ann (Hongkong)

Doch trotzdem sind wir nicht fertig, denn wir haben uns zu einem Abstecher nach Hongkong und zu einem Besuch bei Jo'ann entschlossen. Die quirlige Frau ist definitiv einer der faszinierendsten Menschen, die ich bis jetzt kennen lernen dürfte. Als Flugbegleiterin hat sie den perfekten Job um ihre Reiseleidenschaft auszuleben. Andi lerne Jo'ann bei ihrem Thailand Trip kennen und seit dem hat sie uns schon drei Mal besucht, unter anderem auch als Gast auf unserer Hochzeit.

DSCF5638 Travel-Essentials: Schlafbrille mit Ohrenwärmer (irgendein Laden, Hongkong)

Dieses Mal sind wir dran und besuchen sie in Hongkong. Das ist Ende Nummer zwei und der Grund warum wir uns zu einer völlig unchristlichen Zeit in Peking aus dem bequemen Bett quälen und uns auf den Weg zum Flughafen machen.

DSCF5713 Wir sind nicht mehr in China! (Hongkong)

Hongkong erscheint mir auch gleiche als passender Zwischenschritt, als kulturelle Schnittstelle zwischen China und Europa. Die Menschen, das Leben auf der Straße, die Lichter, Kowloon, laute und volle Dim-Sum Läden, die Märkte: wir sind definitiv in China. Doch hat alles einen europäisches Flair: Spucken verboten, Convenience aller Orten, freundliche Polizisten, zurückhaltende Straßenhändler, Queen Victoria Street.

DSCF5928 Dinner for two? (Hollywood Road, Hongkong)

Ich fühle mich in der Stadt seit längerer Zeit zum ersten Mal nicht als ein Tourist der auffällt wie die Badehose am Nudistenstrand. Hier könnte ich durchaus leben, stelle ich nicht nur einmal fest, während wir die steilen Straßen Sohos - einem Viertel auf der Zentral-Insel - bewandern.

DSCF5635 Hunger? Straßenverkauf in Hongkong

Als wir ankommen findet das Mid-Autum Festival statt. Eigentlich die Chinesische Version von Erntedank. Traditionell trifft man sich im Familienkreis und isst knallsüße Moon Cakes.

DSCF5664 Der Schwanz des Feuerdrachens (Hongkong)

Wir schauen uns den fast 70 Meter langen Fire Dragon in Tai Hang an. Die bekennende Hyperaktive und Chaotin Jo'ann übernimmt den Job als Touristenführerin und so machen wir uns zusammen auf den Weg.

Irgendwann wird klar, die Arme hat viel zu wenig getrunken, klammert sich an eine kalte Limo und ist der Ohnmacht nahe. Wir teilen unsere Aufmerksamkeit etwa in gleichen Teilen zwischen unserer, dem Kollaps nahen, Freundin und dem schwungvoll durch die engen Gassen bugsierten Feuerdrachen. Kurioserweise läuft auch eine Dudelsackkapelle durch die Gassen.

DSCF5652 Schotten in Hongkong?

Sowas nenne ich mal eine Hybridtradition.

line. (Hongkong)

Denke ich an Hongkong, fallen mir Hochhäuser ein, enge Straßen, dicht gepackte Menschen, Verkehr, Wirtschaft, Krawatten und Tempel. Überhaupt nicht klar war mir, das Hongkong auch richtig Landschaft und Natur besitzt. Wir sind auf dem Weg zum Big Buddha. Wie der Name schon subtil andeutet, handelt es sich um einen sehr großen Buddha. Ich bin sicher, hier versteckt sich ein weiterer Superlativ.

DSCF5715 Big Buddha, Hongkong

Lange Fahrt mit der U-Bahn, danach in den Bus und plötzlich ist man aus der Stadt raus und im Wald. Das hatte ich so nicht erwartet: alles so grün hier.

Oben angekommen sehen wir erst mal Kühe. Buddhistisch und teilweise auch hinduistisch bedeutsame Orte scheinen grundsätzlich von Tieren bewohnt zu werden.

Wir waren schon in Tempeln mit Affen, mit Hunden, mit Tauben und allerlei anderem Viehzeug.

Hier sind es Kühe.

Wahrscheinlich läuft es nach einem first come, first serve Prinzip ab. Ein Tempel, eine Pagode, ein Denkmal wird gebaut, ein Tier spaziert hinein und ab dann ist es ein Kuh-Tempel, ein Affen-Tempel, ein Otter-Tempel oder ein Schlangen-Tempel.

Fressen? Tempelbewohnerin (Big Buddha, Hongkong) Fressen? Tempelbewohnerin (Big Buddha, Hongkong)

Ein angenehmer Ort hier oben. Hat man erst mal die Stufen erklommen, kann man die frische Luft genießen und wir mit einem schönen Ausblick belohnt. Ein leichter Wind weht und man fühlt sich definitiv nicht, als wäre man auch nur in der Nähe, eines der am dichtesten besiedelten Orte der Welt.

Schilderwald (Hongkong) Schilderwald (Hongkong)

Es ist ein kaum zu fassender Kontrast zur Stadt. In Central - von den Briten einst Victoria genannt - reihen sich Hochhäuser an Hochhäuser und auch Wohngebäude haben nicht selten über dreißig Stockwerke. Will den Himmel sehen, stellt man sich entweder an den Hafen oder findet sich mit beginnender Nackenstarre ab.

Kowloon, die chinesischere Seite Hongkongs und von den Locals gerne als the dark side tituliert fühlt sich für mich an wie die Presskopfversion von Peking. Alles ist unglaublich verdichtet, nicht mehr viele Menschen sprechen Englisch. Wir sind nicht nur geographisch wieder auf dem Chinesischen Festland, wir fühlen uns auch so.

[DSCF5851 Tempel in Central (Hongkong)

Diese Dichte führt auch dazu, dass in Hongkong der Underground zum Overground wird, so siedeln sich Szene Läden typischerweise in den oberen Stockwerken der Gebäude an. Die Mieten sind niedriger und die Wahrscheinlichkeit wegen fehlender Lizenz zum Alkoholausschank auf zu fliegen wohl geringer. Wir lassen uns das Bier trotzdem schmecken.

DSCF5828 Happy Massage? (Kowloon, Hongkong)

Drei Uhr nachts, die Mädels wollen eine Massage, kein Problem in Kowloon. Nach etwas hin und her landen wir im dritten Stock, eines Wohnhauses.

Vor dem Eingang blinkt, funzelt und summt fröhlich die typische Neon-Massage-Reklame, um uns herum wird Mandarin, nicht das eigentlich lokale Kantonesisch gesprochen. In der gegenüber liegenden Wohnung geht es offensichtlich um eine andere Art der körperlichen Entspannung.

Nach der Massage winken uns nicht nur die Masseurinnen zum Abschied sondern auch eine einigermaßen ungerührte Ratte, die ihr zu Hause wohl irgendwo im Gewirr des Plastik-Efeus eingerichtet hat.

DSCF5819 Presenting the New Style! (mit Jo'ann auf einem Night Market)

Momente wie diese, ich will sie nicht missen.

So viele Obdachlose? Wir sind eben durch ein eher weniger interessantes Einkaufszentrum spaziert und gerade über ein weiteren Hongkong Kontrast gestolpert. Wir stehen auf einer Straße und vor uns sitzen bestimmt 200 jüngere Frauen auf dem Boden. Sie haben sich Pappkartons mitgebracht und damit teilweise sogar kleine Räume mit halbhohen Wänden konstruiert.

Die Szene wirkt einerseits befremdlich, andererseits aber auch friedlich, fast wie ein sonntägliches Picknick.

Durch die Luft fliegt Gelächter und Gesprächsfetzen. Eben kamen wir an der Warteschlange für das neue iPhone vorbei, sind an den Läden von sündhaft teuren europäischen und amerikanischen Modelabels vorbei flaniert und vor uns lagern hunderte junger Frauen in Pappkartons auf dem Boden.

DSCF5871 Feiertag! Die philippinischen Haushaltshilfen treffen sich. (Hongkong)

Es handelt sich - wie wir später erfahren - um philippinische Haushaltshilfen. Sie arbeiten in Hongkong, können sich das Leben in der Stadt eigentlich aber nicht leisten. Es muss Unmengen von ihnen in Hong-Kong geben und an ihren freien Tagen treffen sie sich genau hier. Es wird sogar eine Straße für sie abgesperrt.

Ich bin verwirrt und denke den Rest des Tages über das Gesehene nach. Man kann nicht die Welt bereisen und keine Armut sehen. Armut, das sind Straßenkinder in Phnom Penh, das sind verwahrloste Roma-Dörfer in Rumänien, vergessen von der Welt und eine Falle für ihre Bewohner. Ist das hier Armut? Ist das hier Ausbeutung?

Frisches Seafood. Luxus in Hongkong. Frisches Seafood: Luxus in Hongkong.

Die Frauen stehen offensichtlich, außerhalb der lokalen Gesellschaft, können nicht am viel zu teuren Stadtleben teilnehmen, sie sind ausgeschlossen. Doch es existiert definitiv eine Gemeinschaft, man trifft sich, spricht, lacht, es wird sogar getanzt.

DSCF5692 Local Breakfast (Hongkong)

Frühstück in Hongkong, das heißt traditionell Dim Sum. Die gedampften Teile haben gleich mehrere Vorteile. Einerseits sind sie verdammt lecker, andererseits kann man gleich Hundertschaften von hungrigen Kunden satt bekommen.

"Spread out guys, we need to find a table!", auf Jo'ann Kommando laufe ich los, beäuge die genüsslich futternde Kundschaft mit Argusaugen und warte auf die ersten, die aufstehen. Wir sind in einem scheinbar namenlosen Dim Sum Laden. Der große, geflieste und hell ausgeleuchtete Raum hat den Charme einer Mannschaftsdusche. Hier geht es um das Essen, nicht um das Ambiente.

Was ist da drinn? Frühstück fassen. (Hongkong) Was ist da drinn? Frühstück fassen. (Hongkong)

In meiner Welt ist ein heller, fensterloser und Raum, bis zur Kapazitätsgrenze vollgestopft mit gierig Futternden, weiß beschürzten Angestellten mit stählernen Rollwagen voll dampfender Schüsseln, Körben und riesigen Teekannen ein sicheres Zeichen für gutes Essen. Für die Aussicht ist schließlich keiner hier.

Ein kleine Gruppe steht auf, ich stürze mich sofort auf die Stühle und komme einer mittelalten Frau und ihrem Mann zuvor. Pech gehabt Mutti, ich habe Hunger.

Das System ist denkbar einfach: Gelegentlich kommen Angestellte durch mit einem Rollwagen voller Dim-Sum Körbchen. Darin verstecken sich neben Dim-Sum, frische Meeresfrüchte, Kuchen, Hähnchenteile und allerlei andere, nicht gleich zu identifizierende Leckereien. Die Kellner sind chronisch mürrisch und kommen nicht man im Traum auf die Idee ihre Waren anzupreisen. Statt dessen blockiert man ihren Weg, hebt die Deckel und hält die Nase hinein bis man etwas lecker riechendes findet oder greift einfach wahllos zu.

Jo versucht vorher immer raus zu finden was genau sie vor sich hat und bekommt wohl genau so schnippische wie uninformative Antworten. Ich greife einfach zu und habe wohl Glück. Alles schmeckt wunderbar.

[DSCF5963 Aussicht aus der zweiten Reihe (The Peak, Hongkong)

Hongkong einmal von oben sehen, das verspricht the Peak. Der Gipfel über der Stadt ist Anlaufpunkt für unzählige Touristen jeden Tag. Es gibt wohl eine Seilbahn. Wir finden zwar keine Seilbahn, aber die Schlange zur Seilbahn. Netterweise gibt es Schilder, die erklären, wie lange man voraussichtlich anstehen muss. Ich lese drei Stunden. Wir entscheiden uns spontan für ein Taxi.

Die beste Aussicht wird natürlich auf dem Dach eines Einkaufszentrums vermarktet. Es ist voll und man hat die Wahl sich entweder bis zum Geländer durch zu drängen, oder in der zweiten Reihe die Aussicht auf dem Display der unzähligen Handys und Tablets zu genießen.

DSCF5778 Hong Kong Skyline (gesehen aus Kowloon, Hongkong)

Der letzte Abend und wir landen im Nachtleben. Es ist definitiv und so richtig eine Expat und Rotlicht-Bar, wie sie auch in Bangkok stehen könnte. Nur die Band ist besser und es wird Zeit für uns Asien ein weiteres Mal Goodbye zu sagen.

Goodbye Asia! Die letzte Nacht in Hongkong. Goodbye Asia! Die letzte Nacht in Hongkong. (Instant Schnappschuss von Jo'ann)

Wir haben viel erlebt und es fühlt sich noch viel zu früh an ein Fazit zu ziehen. Fest steht: Es war ein gelungener Start in das Eheleben.