Ulan Bator, oder einfach UB, wie es ausser den Touristen wohl jeder nennt, ist mit Sicherheit keine ganz einfache Stadt. Genau genommen ist es verdammt anstrengend und teilweise fast schon mörderisch. Fragt man die Locals kann UB sowieso keiner leiden, trotzdem leben hier Schätzungen zur Folge ein Fünftel bis ein Drittel aller Mongolen.

Wir haben uns - aller Widrigkeiten zum Trotz - durchaus mit der Stadt angefreundet. Und das kam so...


Auf der Zugfahrt von Ulan-Ude nach Ulan-Bator teilen wir unser Abteil mit zwei Mongolinen auf der Rückreise von einer Wissenschaftlichen Konferenz. Eine der beiden spricht gutes Englisch und beide sind sie recht kontaktfreudig. Wir teilen unser mitgebrachtes Essen und bekommen von den beiden erste Einblicke in die mongolische Kultur und Politik. Im Moment ist wohl die illegale Einwandungerung aus China ein Problem. Die Mongolei pflegt nicht erst seit ihren Zeiten als sowjetischer Satellitenstaat ein Bild ihres südlichen Nachbars, das nicht unbedingt in den rosigsten Farben gemalt ist.

Anscheinend lebt der Bauboom in UB heute nicht zuletzt von billigen chinesischen Arbeitskräften und ich sehe durchaus gewisse Parallelen zu Diskussionen die auch in Deutschland geführt werden.

Die beiden machen aber - wie auch alle Mongolen, die wir später noch treffen werden - einen durchaus entspannten, kommunikativen und lockeren Eindruck, lachen viel und sind auch gerne zu spontaner Plauderei bereit. Die Region der versteinerten Gesichter haben wir wohl mit der russischen Grenze hinter uns gelassen.

Überhaupt die Grenze! Ich glaube die ganze Zugfahrt hätte man grob geschätzt auch in einen halben Tag durchführen können, dafür nimmt sich die Russische Seite auf der Grenze mal lockere sechs Stunden um unsere Pässe zu stempeln. Dafür darf man in der Zwischenzeit sich die Beine im naheliegenden und ziemlich zugemüllten Stadtpark vertreten. Als wir zurück kommen ist allerdings unser Zug erstmal weg. Es werden nämlich die Wagen abgekoppelt, die nicht über die Grenze fahren. Zurück kommen gerademal zwei Wagen, gezogen von einer Mongolischen Diesellok.

imageWenigstens kein Müll: Stadtpark der Grenzstadt

Unsere beiden Mongolinnen müssen ihre Reisetaschen sogar bei der Kontrolle kurz aufmachen. Als sich darin kein sibirischer Tiger verbirgt ist die Kontrolle der Taschen auch schon abgeschlossen. Dafür kommt noch eine Grenzwächterin, turn auf unsere Etagenbetten, öffnet halb verborgene Wartungsluken um mit Taschenlampe und kritischer Mine das Innere zu inspizieren.

Endlich in der Mongolei angekommen, wird die Sache direkt etwas entspannter. Hier warten wir nur zwei Stunden, bevor der Zug die Reise fortsetzt und wir unsere Einreisestempel im Pass haben.

Ankunft in UB, wir werden vom Bahnhof abgeholt und bekommen unterwegs direkt eine Sicherheitsunterweisung von unserem Fahrer. Wie es scheint gibt es drei Gefahren, deren man sich bewusst sein sollte. Erstens den Verkehr, zweitens die Taschendiebe und drittens die halbwilden Tiere auf dem Land. Von allen dreien ist morgens um kurz vor sechs auf den fast ausgestorbenen Strassen nicht viel zu sehen, daher schenken wir den Ausführungen des wohlmeinenden Chauffeurs nicht besonders viel Aufmerksamkeit.

Auf der Fahrt durch die recht leer erscheinende Stadt bekommen wir einen ersten Eindruck. Offensichtlich eine weitere, russische Stadt. Bis darauf, das sie schon ein Land weiter steht.

imageLove Vodka (Ulan Bator)

Im Hostel treffen wir auf Sarah. Das Hostel selbst ist mal wieder ein Appartement im sozialistischen Normwohnblock. In diesem Fall sind es sogar mehrere Appartements. In dem einzigen, abschließbaren Zimmer residieren wir, auf der Couch davor Sarah.

Sie macht einen relativ fertigen, aber nicht unfreundlichen Eindruck. Beim Sprechen fährt sie sich immer wieder durch die Haare oder mahlt unverständliche Symbole in die Luft, die Sprachen ihres Diskurses wechselt sie gerne mehrmals pro Satz und sie weiss, durch ein breites Assoziationsvermögen und die Fähigkeit Themen durcheinander hoppeln zu lassen wie junge Hasen auf einer Alpenwiese, immer wieder zu verdutzen.

Mal will sie von mir wissen was eine Webseite kostet um gleich darauf zu erzählen das sie eine hat, die Leute in der Mongolei nichts dafür bezahlen wollen und die Computer alle viel zu langsam sind, später schickt sie uns zum einzigen veganen Restaurant in der Stadt, schenkt und Masken gegen Smog oder will Andi High Heels und Geschenkeboxen an Tee verkaufen.

Zum Veganer, der eigentlich ein Inder, bzw. genauer ein Sri Lankeser ist gehen wir übrigens wirklich mehrmals. Beim ersten Mal bleibt auch gleich kein Auge trocken, die bestellten Gemüsecurry sind wirklich spicy. Mir läuft der Schweiss in Strömen und auch die beste Frau von allen sieht etwas geschafft aus.

imageNoch ein Stück Chili? Andi fertig mit den Nerven (Ulan Bator)

Eines leeren uns die ersten Wege durch die Stadt direkt: Mit dem Verkehr ist aber sowas von gar nicht spaßen. Selbst wenn man eigentlich einiges gewohnt ist, schonmal in Bangkok war, regelmäßig durch größere Städte mit dem Rad navigiert oder in seiner Freizeit Schlammcatchen mit wilden Braunbären macht.

Der Mongole verwandelt sich hinter dem Steuer fast unvermeidlicherweise zurück in sein wildes, reitendes, morderndes und brandschatzendes Alter Ego. Beim Autofahren werden keine Gefangenen gemacht. Das beinhaltet nicht nur ein eher nonchalantes Verhältnis zu allgemeinen Verkehrsregeln, die wahrscheinlich auch in der Mongolei existieren. Rote Ampeln sieht der er als bunte Ablenkung, wild rudernde Verkehrspolizisten als mindere Attraktion und traurig die Kühlerhaube hinauf gleitende Fußgänger als blankes Ärgernis.

imageNur zur Deko: Verkehrspolizist (Ulan Bator)

Zwischenraum wird grundsätzlich nicht gelassen. Autos haben immer Vorfahrt, ausser vor Lastern, Panzern oder Gott. Man fährt möglichst auf der kürzesten Strecke zum Ziel, führt diese quer durch einen Kindergarten, haben die Kinder sich halt für einen schlechten Garten entschieden, Vorgänge neben, über oder hinter dem eigenen Gefährt interessieren nicht, der Innenspiegel ist höchsten zur Kontrolle der lässig in den Mundwinkel geklemmten Zigarette gedacht.

Trotzdem ist es toll durch UB zu schlendern Die Straßen sind bevölkert und von allen möglichen Arten von Leuten, wir sehen Glitzerjackets, traditionelle Mongolische Gewänder und normale Office Klamotten neben Hipstern auf Skateboards, fies aus den Pickeln schauenden Ganster-Rapper-Bubies und mitten drinn auch mal jemanden mit einem Pferd am Geschirr.

UB got Style! (Ulan Bator)image

Ein bisschen das Epizentrum der Stadt ist der Sukhbaatar-Platz. Zwischen Regierungsgebäude, der Hauptgeschäftstraße "Peace Avenue" und anderen, wichtigen Institutionen wie der Mongolian Stock Exchange ist hier scheinbar nicht nur der Ort um seine Hochzeits oder Andenken-Fotos zu schießen, sodern auch der einzige Ort um in UB Fahrrad zu fahren, auf der Straße wäre es auch wirklich zu gefährlich und so kurven ununterbrochen Familien und Paare auf Fahrrädern und Tandems rund um den Platz.

imageRadfahren als Event (Sukhbaatar-Platz, Ulan Bator)

Zumindest wenn das Wetter mitspielt. Auch das haben wir schnell gelernt, im ersten Moment lacht dir noch die Sonne auf den Kopf, doch kaum verschwindet sie hinter ein Wolke fährt dir der Wind durch die Glieder, das es dir vorkommt wie vor Gottes eigener Klimaanlage.

Zum Glück gibt es Orte in die man sich zurück ziehen kann. Wir landen auf Empfehlung in einer Aufführung des National Academic Ensemble im National Theater. Es ist natürlich eine ziemliche Touristennummer, Einheimische können wir zumindest nicht erblicken. Aber man bekommt eine nette Einführung in all das, was so als mongolische Gesangs und Schauspielkunst durchgeht. Mich beeindruckt besonders der Kehlgesang. Hierbei produziert ein - meist männlicher Sänger - gleichzeitig zwei Töne.

imageIm Nationaltheater (Ulan Bator)

Es hört sich mal grob gesagt wie nichts an, was man jemals vorher gehört hat. Worte kann ich ebenfalls nicht verstehen, unschön klingt es aber auch nicht. Ein bisschen vielleicht wie eine Art sehr kehliges, harmonisches Mitsummen eines Liedes.

In UB steht ebenfalls ein Lama-Tempel. Der Tibetanische Buddhismus begleitet uns nun schon seid Ulan-Ude, ohne das wir dies vorher irgendwie auf dem Plan gehabt haben. Im Vergleich zu meinen anderen Reisen nach Asien fallen mir durchaus diversere Unterscheide auf, man hat aber auch schon rein von der Atmosphäre her das Gefühl es mit einer anderen Religion zu tun zu haben, als dem Thailändischen Buddhismus. Es liegt subjektiv deutliche mehr Räucherstäbchen in der Luft, überall finden wir Gebehtsräder zum drehen vor, die Hallen sind dunkler, verwinkelter und lange nicht so bunt wie ihre Thailändischen Cousins.

imageTauben füttern im Tempel (Ulan Bator)

Neben dem eigentlichen sehenswerten Tempel scheint hier der große Spaß daran zu liegen die Tauben zu füttern, die sich in großen Schwärmen überall niederlassen und gleich zu hunderten geflattert kommen, sobald jemand auch nur einen Krümel auf den Boden wirft.

Wir haben auch die Gelegenheit einer Zeremonie beizuwohnen. Im Wesentlichen scheint es darum zu gehen, zu frühstücken. Alle Mönche haben eine Schale mit Reis, futtern vor sich hin und bekommen nachgegelegt, wenn sie noch Hunger haben. Ab und zu wird ein Mantra rezitiert. Natürlich kulturell bestimmt hochinteressant, aber da futtere ich doch lieber selbst.

Draussen schlägt das Wetter mal wieder die üblichen Kapriolen und es liegt Rauch in der Luft. UB besteht nur zu einem Teil aus Häusern, die umliegenden Hänge hinauf ziehen sich die sogenannten Jurtenviertel. Hier leben vornehmlich die Leute, die aus dem Land zugezogen sind in ihrer eigenen Jurte, dem traditionellen Nomandenzelt und jedes einzelne dieser Zelt verfügt über einen Ofen in dem vorzugsweise Kohle geheizt wird.

Im Winter soll der Smog besonders dicht über der Stadt stehen, den Schnee langsam schwarz färben und den Bewohnern den Atem rauben. Noch ist es nicht Winter, aber es geht darauf zu und mein Husten mutiert - wie ich meine - langsam zur Bronchitis. Ich glaube ein Winter in UB könnte mein Letzter werden, nicht nur wegen den Temperaturen gegen -40°C.

Im Fazit bleibt es für mich eine schöne Stadt, nicht ohne Macken und Schattenseiten aber mit einzigartigen Bewohnern, interessanter Kultur und viel Leben. Nicht einfach, aber lohnenswert.