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Andi probiert den lokalen Trim-Dich-Pfad (Ulan-Ude)

Die Bremsen quietschen, es schaukelt noch einmal kurz und die Bahn kommt zu einem Halt. Es war keine besonders angenehme Fahrt. Wir haben uns beide wohl so etwas wie einen grippalen Infekt eingefangen, das Abteil war unglaublich stickig und viel zu warm und so haben wir wenig geschlafen, viel geschwitzt und noch mehr gehustet und geschnupft. Zeit hier raus zu kommen.

Und so gehören wir mit zu den ersten, die ihr Gepäck aus dem Ausgang der Bahn wuchten und sich auf die Suche nach ihrem Hotel begeben. Leider haben wir in unserer Eile  nicht gemerkt, das sich die Innenstadt von Ulan-Ude nicht vor, sondern hinter dem Bahnhof erstreckt und so laufen wir zielstrebig einen Weg entlang, den wir für den richtigen halten, der sich aber wenig später als direkte Verbindung nach Absurdistan entpuppen wird.
Durch einen ziemlich verwilderten Stadtpark eine Straße hoch und nochmal um die Ecke. Irgendwann fällt uns auf, das dort wo unser Hotel sein sollte unser Hotel gar nicht ist. Statt dessen finden wir einen Supermarkt, eine Straßenbahnhaltestelle und eine ziemlich ausgestorben wirkende Straße vor. Kein gutes Zeichen. Die Luft ist kalt und die Temperaturen befinden sich im niedrigen, zweistelligen Bereich. Nach unserem Saunaabteil nicht unangenehm, aber auf längere Dauer bestimmt nicht gesund, schon gar nicht in unserem Zustand.

Entweder wühlen wir hier, mitten neben Straßenbahn, vierspuriger Straße, düsteren Wohnblocks und aufgerissenem Pflaster, in unseren Koffern nach warmen Klamotten, oder wir finden schnell raus, wo zum Teufel wir eigentlich sind. Was ein zehnminütiger Spaziergang hätte sein sollen, hat sich jetzt schon auf eine halbe Stunde ausgedehnt.

An der nächsten Ecke kommt uns jemand entgegen, anscheinend auf dem Weg zur Arbeit. Ich habe mein Englisch mitterweile auf Schlagworte reduziert. Die Erfahrung lehrt uns, das wir in diesem Teil der Welt nicht damit rechnen dürfen, das irgendwer wirklich Englisch spricht. Ein Satz wie:

"Dear Sir, would you please be so kind and point us to the Hotel called 'Geser', which we have booked for tonight and would very much like to find, so we can enjoy your fair city properly."

würde beim Gegenüber wohl eher schlackernde Ohrmuscheln als eine hilfreiche Antwort produzieren. Ist auch klar, von Russland aus betrachtet ist die russischsprachige Welt verdammt groß, so das der durchschnittliche Russe wahrscheinlich etwa soviel Bedarf hat Englisch zu lernen, wie der durchschnittliche Engländer Russisch.

Ich sage also: " Доброе утро! You know 'Hotel Geser'?"

Autsch. Mein Gegenüber spricht recht gutes Englisch und während mein Atem nette weisse Wölkchen bildet wird mir kurz mal ganz warm. Wir kriegen nicht nur erklärt das wir im falschen Stadtteil sind, sondern auch wie wir zum Hotel kommen und - nach einigem Hin und Her, dass meine russische Aussprache völlig für die Katz ist.

"Intonation transportiert Bedeutung, Sie werden in Russland nicht verstanden!", wiso habe ich nur plötzlich das Gefühl Jelena, unsere gestrenge Russischlehrerin wäre kurzfristig in meinem Kopf eingezogen?

imageAndi freut sich, im Hintergrund: Unser Domizil (Ulan-Ude)

Nach einer weiteren halben Stunde strammen Marsches erreichen wir schließlich unser Domizil für die nächsten zwei Tage. Gebucht hatte ich es im Internet, vergleichen mit den anderen, "richtigen" Hotels in Ulan-Ude war es recht günstig und außerdem wurde in mehreren Reviews das Frühstücksbuffet gelobt. Ich hatte gerade Hunger und Booking.com war sowieso offen...

Der Reiseführer beschreibt es als das ehemalige Hotel der sozialistischen Führungsriege und Kaderschmiede. Viel darunter vorstellen konnte ich mir nicht. Erichs Lampenladen? Betonbunker mit eingemeißelten Portraits des sozialistischen Arbeiterhelden? Megadekandenter Stuckpalast mit Geheimgängen und Wanzen in jeder Zimmerpflanze?

Uns erwartet ein durchaus modern wirkendes, großes Backsteingebäude. Innen hat sich viel von dem erhalten, was wohl einmal sozialistischer Chic war: Klobige Ledersofas, Antik wirkende, ausufernde Zimmerpflanzen, Kronleucher und Stabparkett, eine Aula im Zentrum jeder Etage, die locker für ein mittelkleines Rockkonzert reichen würde.

imageIkea Moskau Edition? (Ulan-Ude)

Die Dame an der Rezeption ist superfreundlich, spricht gutes Englisch und stellt uns direkt einen Ausweis für das Frühstück aus. Wir schmeißen unser Gepäck ins Zimmer, würdigen den uns umgebenden Sozialismus-Barrock, gehen Frühstücken und brechen anschließend in unseren Betten zusammen.

Irgendwann wache ich wieder auf und blinzel verschlafen dem schon vollständig erblühten Tag entgegen. Sieht toll aus draussen, blauer, fast wolkenloser Himmel, strahlende Sonne. So richtig tolle Laune will bei mir aber nicht aufkommen. Ich fühle mich malad.

Naja, Reisen ist kein Ponyhof und so mache ich es der schon fleißig gewesenen Andi nach und wasche erstmal ein paar Klamotten. Könnte ich zwar das Hotel machen lassen, allerdings zum Business-Tarif jedes Stück einzeln und mit Bügeln, Parfümieren und wahrscheinlich einer Segnung durch Vertreter aller in Russland vorhandener Religionen. Also dem Obermufti der Orthodoxen, irgendeinem Lama und Putin selbst. Stelle ich mir angesichts der Preise zumindest so vor.

Das brauchen weder meine Unterbuxen noch ich, selbst ist also der Mann und immerhin haben wir sogar eine Wäscheleine mitgebracht.

imageEndlich kein Sumpfbiber mehr! (Ulan-Ude)

Superlative sind etwas tolles und im russischen Teil unserer Reise begegnen wir ihnen an allen Stationen. Moskau, die Haupstadt Russlands und gleichzeitig die teuerste Stadt der Welt, der Baikalsee als riesiges Trinkwasserreservoir und Heimat einzigartiger Tierarten und Ulan-Ude?

Hier beheimatet ist der größte Lenin-Kopf der Welt! Kein Scheiss! Die Metalrübe des ehemlaligen Staatenlenkers wiegt geschmeidige 42 Tonnen und wurde 1971 der Weltöffentlichkeit zu Lenins 100sten Geburtstag auf der Weltausstellung in Montreal präsentiert, wo sie auch direkt einen ersten Preis abkassierte.

imageZu groß zum bewegen? (Ulan-Ude)

Warum das Ding ausgerechnet in Ost-Sibirien gelandet ist? Meine Theorie wäre das sich keiner so richtig mit einem übergroßen Idol im eigenen Vorgarten anfreunden wollte. Der sowietische Kommismus ist in seinen Kultstätten vielen Religionen gar nicht so unähnlich und welche normale Mensch mit gemischtem Gewissen geht schon gerne jeden Tag an einem 42 Tonnen schweren und 8 Meter hohen Abbild des perfekten Führers vorbei.

Genosse Breschnew! Leninkopf gefällig? - Gerade kein Platz im Amtssitz, fragt doch mal unseren Genossen Parteisekretär.

Und so purzelte die prämierte Bronzerübe die Kaderleiter herunter, bis sie irgendwann in Ostsibirien zum stehen kam, wo sie noch heute als beliebter Hintergrund für Hochzeitsbilder dient und wahscheinlich deutlich zu schwer ist um sie zu entfernen.

imageUnsere heilige Jungfrau Andi (Ulan-Ude)

Nach einer kleinen Runde durch die Innenstadt, schleppen wir uns zu unserem ersten mongolischen Essen. Wir haben mit Ulan-Ude die Hauptstadt der Republik Burjatien erreicht. Die Burjaten sind ursprünglich ein mongolisches Volk, dessen Territorium sich von Russland einverleibt wurde. Heute sprechen sie im wesentlichen Russisch, kochen und essen mongolisch und sind teils noch immer religiöse Buddhisten.

Wir landen also bei "Modern Nomads" einer Restaurantkette die uns auch in der Mongolei wieder begegnen wird. Der Mongole und damit scheinbar auch der Burjate isst gerne Fleisch und mag wohl scheinbar Suppe. Als nicht orthodoxe Gelegenheitsveganer lassen wir es uns schmecken und genießen die herzhaften Suppen. Nicht schlecht bei Erkältung.

imageSuppe! (Modern Nomads, Ulan-Ude)

Am nächsten Morgen fühlen wir uns immer noch einigermaßen neben der Spur, haben uns aber trotzdem Programm vorgenommen. In der Nähe von Ulan-Ude befindet sich eine Lamaistisches Kloster und gleichzeitig das Epizentrum des Buddhismus in Russland. Während der sozialistischen Zeit dürfte es erstmal - als Dank Stalins für die Dienste der Burjaten im zweiten Weltkrieg - weiterexistieren, wurde aber später geschlossen. Heute blüht es wieder auf.

Wieder mal machen wir uns auf den Weg in einer Marschrutka und später im Sammeltaxi. Irgendwie ist die ganze Sache völlig chaotisch, man steigt irgendwo in einen Minibus, wird an einer von vielen praktisch identischen Stationen wieder raus gelassen, zu einem wartenden Sammeltaxi dirigiert und weiter gekarrt und landet schließlich am angepeilten Zielort. Erstaunlich effizient, auch wen man nicht so richtig weiss, wie einem geschieht.

Wir kennen Tibet nur aus dem Fernsehen, waren auch noch nie in einem Kloster dieser Schule des Buddhismus und haben auch sonst nicht so viel Ahnung von der Materie, aber so stellen wir uns ein Lama-Kloster in Tibet vor. Vielleicht mit Bergen statt Hügeln und ohne all die Sibirischen Häuschen aber doch, so muss es wohl sein: Holzarchitektur, geschwungene Dächer, geknotete Stoff-Fetzen an den Bäumen und Gebetsräder und Trommeln zum drehen.

imageTibet in Russland? (Ivolginsky Datsan)

Für einen Obulus bekommen wir eine englisch sprachige Führung durch die Anlage von einem Mönch. Wir erfahren etwas über die Geschichte des Klosters, die angeschlossene Universität und die einzelnen Tempel. Ebenfalls erfahren wir die wunderliche Geschichte des wohl bedeutendesten buddhistischen Oberhauptes Russlands:

Itigilov - das Oberhaupt des russischen Buddhismus - beschloss 1927 das es mit 75 nun Zeit für ihn sei zu sterben und verabschiedete sich in der Lotusposition (auch bekannt als Schneidersitz) meditierend aus dem Leben. Nicht jedoch ohne seinen Mitbuddhisten aufzutragen ihn nach einigen Jahren wieder hervor zu hohlen.

1955 und '73 wurde er jeweils wieder ausgegraben und siehe da, er saß immer noch und war gut erhalten. Mittlerweile in das Kloster umgebettet wurde er 2004 wissenschaftlich untersucht und befand sich in einem Zustand als wäre er erst vor anderthalb Tagen gestorben.

Heute wird der Körper anscheinend regelmäßig den zu tausenden anreisenden Gläubigen präsentiert.

Laut unserem Fremdenführer-Mönch studierte Itigilov übrigens neben Philosophie und Medizin zuletzt auch Tantra, die gefährlichste Lehre aber auch der schnellste Weg zum Nirvana. Ein Fehler schon wird man - wie es scheint - in einem sehr unerquicklichen Körper wiedergeboren und stellt sich wieder ganz unten an. Das schlechteste, was man werden kann ist wohl ein Gott oder Halbgott. Man könnte zwar mal einen Tag Weltfrieden in der Woche einführen, kann aber kein Leid empfinden, also auch kein Leid überwinden und folglich kein Nirvana ereichen.

Persönlich hätte ich ja mit Tantra jung und knackig angefangen, aber wahrscheinlich wäre es dann mit dem Nirvana auch nichts geworden.

Wir bekommen die wunderliche Leiche leider nicht zu sehen, verbringen aber auch so durchaus kurzweilige und interessante Stunden im Kloster, bevor wir uns zurück in die Stadt begeben.

imagePrayer Wheels (Ivolginsky Datsan)

Am Nachmittag wandern wir noch etwas durch die Stadt. Ulan-Ude ist richtig nett, nicht nur sind die Leute freundlich, es gibt weitläufige offenen und helle öffentliche Plätze, Skateboarder und Radfahrer flitzen durch die Gegend, die Sonne brennt uns auf den Kopf vor dem Theater sprudelt ein Springbrunnen vor sich hin, scheinbar hängt jederman im Stadtzentrum rum und genießt das tolle Wetter, isst Eis und blödelt mit Freunden und - ganz wichtig - überall gibt es Kwass-Stände.

Kwass - oder auch Kbac - ist ein original russisches Gebräu, das aus fermentiertem Brot und wahrscheinlich allerlei anderen, sonderbaren Zutaten gewonnen wird. Anders als diese Beschreibung vermuten lassen dürfte, schmeckt es durchaus erfrischend und lecker. Ein bisschen wie die süße, kleine Schwester von Malzbier oder die herbe Cousine von Cola.

imageAndi loves KBAC ! (Ulan-Ude)

Zwischendurch stoßen wir noch auf etwas, das wohl der größte Flashmob Ost-Sibiriens werden soll. Vielleicht noch ein Superlativ? Anscheinend hat man alle umliegenden Schulen rekrutiert auf dem großen Platz zwischen Parlament, Regierung und Geheimdienst und unter den wachsamen Augen von Bronze-Lenin zu Bon Jovi's "It's my Live" eine Tanzperformance aufzuführen.

"Wäre doch gar nicht nötig gewesen, außerdem reisen wir doch morgen schon wieder ab", denken wir und schauen uns die Proben an. Es gibt eine Trainerin im Jogginganzug mit Mikrofon, die sich den Tanz vom Rand aus anschaut, immer wieder extatisch klingendes von sich gibt, sich gelegentlich unter die in Reihen angetretene Jugend mischt und von Probe zu Probe heiserer wird. Zwischen durch verstauen wir unsere Einkäufe im Hotel und sind erstaunt die ganze Bande kurz vor Einbruch der Dunkelheit immer noch vorzufinden.

imageDer größte Flashmob Ost-Sibiriens? (Ulan-Ude)

Es sind locker ein paar hundert Menschen im geschätzten Alter von 12 bis 18, Jungens und Mädchen die sich anscheinend Stunde um Stunde der extatischen Jogginghosenfrau unterordnen und dabei auch noch Spaß haben. Nicht nur das, sie werden auch von Stunde zu Stunde besser!

Wir beschließen die Stadt zu mögen: Eine an und für sich schöne und liebenswerte Stadt mit freundlichen Menschen und pulsierendem Leben.

Vielleicht liegt es auch am vergorenen Brot.