Dieser Artikel würde schwer werden, das wurde mir direkt klar, als die Dinge anfingen schief zu laufen. Wobei, das stimmt nicht, eigentlich liefen die Dinge schon schief als ich kalte Füße bekam und mir ausrechnete, das wir uns wohl besser nicht auf unser Glück als Reisende verlassen sollten und lieber zwei Plätze im Schlafsaal des einzigen - angeblich - besten Hostels in Irkutsk reservieren sollten.

Die Alternative wäre gewesen es darauf ankommen zu lassen und auf ein Zimmer im Bahnhofshotel oder dem benachbarten und als anständig beschriebenen Minihotel zu spekulieren.

Naja, sicher ist ja schließlich sicher und der Spatz in der Hand ist doch besser als die Taube auf dem Dach. Überhaupt sollte es ja nur für eine Nacht sein, die Lage war auch super und so schlimm wird es schon nicht werden.

Damals: Katholische Jugendfreizeit - gemacht damit Eltern mal wieder Zeit hatten sich ihrer eigentlichen Aufgabe, der Vermehrung der Gemeinde zu widmen - da ging das mit dem Schlafsaal ja auch.

Es gibt Momente, da hört man das Universum schallend lachen, während es sich mit den großen Händen auf die Runden Schenkel klopft und Cola aus den Nasenlöchern spritzt.

Okay vielleicht auch nicht. Um das mal vorwegzunehmen: So schlimm war es nun auch nicht. Aber ein bisschen gekichert hätte ich - so als ganzes Universum - vielleicht schon. Zumindest wenn ich gerade mal hingeschaut hätte.

Das Hostel entpuppte sich zumindest direkt als ziemlich kleine Wohnung, in der man einfach alle verfügbaren Zimmer als Schlafsäle umfunktioniert hatte. Bevölkert mit Leuten die aussahen als wären sie der Katholischen Jugendfreizeit noch gar nicht entwachsen und redeten als hätten sie schon alles gesehen was die Welt zu bieten hat. Wir beschlossen sofort und noch ungeduscht erstmal essen zu gehen.

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Ein sehr anständiges Essen in Downtown Irkutsk später sitzen wir wieder im Hostel und schlagen noch etwas Zeit tot, bevor wir tatsächlich unser Bett für die Nacht beziehen. Es ist stickig, ständig schnarcht jemand, die Luft riecht nach ungefähr 16 verschiedenen Käsefüßen und der Lautstärke nach zu urteilen fährt alle 15 Minuten ein Motorrad quer durch den Raum. Eines der Mädels im Raum hat eine Erkältung und produziert alle paar Minuten unter lautem Husten einen neuen Schwall frischer Bazillen.

Irgendwie so gar nicht mein Ding und so starre ich einige Stunden die linke Wand, das friedlich schlummernde Mädel mir gegenüber oder die Decke an. Alles ohne besonderes Interesse und eher in der Hoffnung bald einzuschlafen als in der Erwartung neue Erkenntnisse gewinnen zu können.

Um fünf Uhr beende ich die vergeblichen Bemühungen, dusche mir den Nachtschweiss vom müden Körper und buche uns für den nächsten Stop mit der Bahn ein HOTEL. In fetten Buchstaben, mit Frühstücksbuffet, eigenem Zimmer, ebenerdigen Betten, frischen Handtüchern und allerlei anderem Chichi. Für dieses Jugendfreizeitrevival bin ich defintiv zu alt.

Egal, es soll zum Baikalsee gehen. Ich will nun niemanden mit Fakten langweilen, aber das Ding ist eines der größten Süßwassereservoirs der Erde, ungefähr 1600 Meter tief und entwickelt sich zum nächsten Weltmeer zwischen Asien und Europa. Abgesehen davon gibt es den Großteil der lokalen Fauna genau dort und nirgendwo sonst auf der Welt. Muss man mal gesehen haben.

Wir machen uns nach der durchwachsenen Nacht also auf den Weg, dahin wo sich die Marschrutkas sammeln. Das sind sowas wie Sammeltaxis in Minibusform mit fester Route. Wir finden auch direkt den richtigen und werden recht komfortabel in Richtung Listvyanka, unserem Ziel am Baikal, gekarrt.

Unser nächstes Hostel hat ein Einzelzimmer für uns und jede Morgen werden wir vom Duft frischer, russischer Pfannkuchen geweckt. Herrlich!

Einziges Problem: Wir können den Laden nicht finden und wie um uns daran zu erinnern, das wir in Sibirien und nicht etwa im Senegal sind wird das Wetter feucht, kalt und ungemütlich. Wir stapfen zwei Stunden durch das sibirische Sommerschietwetter bevor wir uns entnervt eingestehen: So wird das nix.

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Letzten Endes finden wir ein nettes Café mit gutem Kuchen. Jemand spricht englisch und hilft uns bei der Suche. Hilft zwar auch nicht, aber, oh Wunder! Zum Café gehört ein Hotel. Und nicht irgendein Hotel. Wir werden zwar ganz sicher nicht mehr das nächste Griechenland-Hilfspaket finanzieren, aber dieses Ding, das gönnen wir uns für die Nacht. Zwei Etagen, Wohnzimmer, Blümchentapete. Was braucht man mehr?

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Der Baikalsee sieht heute aus wie geschmolzenes Blei, das bei der langweiligsten Weihnachtsfeier der Welt lustlos im Löffel schwappt, bevor es in das Wasser geworfen wird. Keine idealen Bedingungen für einen Spaziergang, aber was soll's? Wir machen halt das Beste aus allem.

Wir wandern also los, uns das Dorf anschauen. Recht weitläufig die Örtlichkeit und wir haben den starken Eindruck: Die Saison ist vorbei. Bis auf ein paar obligatorischen Besoffskis die am Strand in einer der kleinen Hütten etwas rumkrakelen und einem Haufen Schaschlik und Omul-Verkäufern die uns wahlweise gegrilltes Fleisch vom Spieß oder endemischen Baikalfisch, ebenfalls vom Grill, verkaufen wollen, sind wir ziemlich allein.

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Geblieben allerdings sind die schönen, sibirischen Holzhäuser. Der Sibirier - so bekommt man den Eindruck - mag seine Behausung von aussen eher schlicht und möglichst aus ganzen Baumstämmen gebaut, schaut allerdings gerne durch reicht verzierte Fenster in die Wildnis. Vielleicht eine Sitte aus alten Zeit als man einem Fremden die ihm entgegen blickenden Hausherren buchstäblich im schönen Rahmen präsentieren wollte.

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Wir würden uns gerne Retro Park anschauen. Dort schustert jemand lustige Skulpturen aus den Teilen alter Sovietischer Autos und anderer Maschinen zusammen. Wir wandern etwas durch die Gegend, finden aber statt Retro Park nur eine Baugrube vor. Entweder ist für Metallfiguren die Saison auch schon vorbei oder das Ding wird tatsächlich gerade komplett ausgehoben. Zumindest finden wir auf dem Weg noch einen kleinen Angler, angeschweisst auf einer Brücke.

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Dafür stolpern wir über den Friedhof. Aus den Zugfenstern haben wir schon einige Friedhöfe gesehen. Mich haben sie recht neugierig gemacht. Wie es scheint steht der russische Friedhof zu seinem deutschen Pendant in der gleichen Beziehung wie die Taiga zum Vordertaunus.

Das eine ist wild, uferlos, ungezähmt und höchstens an verstreuten Flecken zivilisiert. Das andere genau eingegrenzt und von unzähligen Linien, Eigentumsrechten, Verpflichtungen und Regeln überzogen.

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Der russische Friedhof - so scheint mir - ist zunächst mal ziemlich urwüchsig, die Pflanzen wachsen wild und unbeschnitten, das ganze Gelände ist nur von Trampelpfaden durchzogen und mitten drin liegen - anscheinend komplett willkürlich verstreut - die Gräber. Die meisten sind von bunten Zäunen umzogen oder anderweitig sehr farbig. Interessant auch das Nebeneinander roter Sterne und Orthodoxer Kreuze.

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Abends: Kommunikationsstörung.

Andi fragt mich und ich frage Andi: Hast du Hunger?

Beide meinen wir: Nö!

Beide sagen wir: Wenn du etwas willst, würde ich vielleicht etwas mitessen.

Beide verstehen wir: Ey, Alter! Aber sowat von!

Also wieder die Wandersocken angezogen und losstiefeln. Jetzt regnets auch noch. Naja, wenn Schatz Hunger hat, dann muss man da halt durch. An völlig verwaisten Schaschlik und Fischständen angekommen realiseren wir: Eigentlich war das so nötig wie ein Horn an einer Hummel. Auf dem Heimweg genießen wir noch ein unfreiwilliges Vollbad als ein Minibus direkt neben uns durch eine gigantische Pfütze brettert.

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Baikalwasser kann also auch nach Öl schmecken.

Morgens sind wir beide erkältet. Liegt es an der Frau, die wir nur noch als "Bazillenschleuder aus dem Hostel" bezeichnen? Liegt es am Regenspaziergang des gestrigen Abends? Egal, die Stimmung ist ziemlich auf dem Tiefpunkt.

Wir genießen noch schnell das Frühstück in unserer Pornobude, bevor wir in bescheidenere Gemächer umziehen, die eher den finanziellen Mitteln entsprechen.

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Heute wollen wir uns das Museum ansehen. Soll recht interessant sein. Wir wandern als diesmal in die entgegengesetzte Richtung los, bis wir zu einem Aussichtspunkt kommen. Darunter soll das Museum sein. Einziges Problem: Kein Museum weit und breit. Irgendwelche Villen mit Wachdienstaufklebern, teuer aussehender Hotelbunker, Baikalsee. Nach etwas hin und her also taktischer Rückzug. Wir sind sowieso beide etwas schlapp, die ganze Zeit am Niesen und Husten und fühlen diffuses aber ausgeprägtes Unwohlsein.

Nächste Station: Das nette Café. Hier gibt es neben einheimischer Küche auch hübsch anzusehende Kuchen, die wir sogleich dem Geschmackstest unterziehen wollen. Andi entscheidet sich für einen Obstkuchen, ich für eine interessant aussehende Torte. Während Andi ihren Kuchen bekommt, gibt es für mich nur eine Portion russischen Charme.

"Kann ich ein Stück davon haben?"
"Nijet!", mit einer Miene wie aus grimmigen Beton geschlagen.

Na gut, schwarzer Tee ist ja quasi fast schon eine ganze Kuchenmahlzeit.

Den Rest des Tages pflegen wir unsere Erkältungen bei ausgedehnten Spaziergängen an der frischen Luft und noch ausgedehnteren Pausen an warmen Orten bevor wir früh ins Bett gehen.

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Manche Tage rocken halt so richtig.

Am Tag der Abreise grüßt uns der Baikalsee mit bestem Wetter. Die Sonne scheint und alles ist dufte. Diese Gegend kommt mir langsam vor wie ein junger Kater. Er kackt in die Lieblingspantoffeln, zerhackstückt deinen Seidenpyjama hält dich die Nacht wach und rollt sich dann auf deinem Bauch zusammen und strahlt rosiges Wohlgefallen aus.

Wir checken aus dem Hotel aus und machen uns per Taxi auf zum Epizentrum des Busverkehrs. Spontane Idee: Bootstour machen. Also ab in die Touristeninfo und siehe da: In einer halben Stunde startet die nächste Tour zur Circumbaikaltrasse. Okay hört sich amüsant an und passt genau auf den letzten Bus nach Irkutsk, wo wir wieder in die Bahn steigen wollen.

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Die Tour entpuppt sich als durchaus kurzweilig und angenehm. Das Wetter schnurrt wohlig, die Sonne scheint und der Baikal spiegelt vor sich hin. Wir haben Gelegenheit ein Stück der Trasse einer historischen Bahn abzulaufen. Heute ist die Strecke vom eigentlichen Schienennetz abgetrennt und wird nur noch gelegentlich befahren.

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Früher war sie Teil der transsibirischen Eisenbahn und wurde unter Hochdruck und großem Leid in den Stein gehauen. Die Arbeiter - zu einem nicht geringen Teil Strafgefangene mussten in Zelten dem kältesten jemals aufgezeichneten Winter trotzen und die Strecke in den Fels hauen und sprengen.

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Auf dem Boot gibt es frisch aufgekochtes Baikalwasser - ja man kann es direkt aus dem See trinken - zum Kaffee oder Tee machen und wir verbringen auch noch eine gute Dreiviertelstunde mit einem improvisierten Picknick an Land.

Zurück in Irkutsk steigen wir wieder in die Bahn und teilen uns ein völlig überheiztes Abteil mit zwei Russen. Beide sprechen leider kein Englisch oder Deutsch und so bleibt die Verständigung auf Pantomime und einzelne Brocken beschränkt. Irgendwann heißt es schlafen gehen, was mir in der stickigen Bude nicht so richtig gelingen will und so wache ich immer wieder auf, wälze mich von links nach rechts und wieder zurück.

Hat man erst mal eine Weile schlaflos rum gelegen, will auch die Suche nach einer bequemen Position nicht mehr so recht gelingen und so wird es wieder eine eher wenig erholsame Nacht.

In Situationen wie diesem muss man sich, meiner Meinung nach, ein paar Grundsätzlichkeiten zurück in das Gedächtnis rufen. Ja, man hat seit Tagen nicht mehr anständig geschlafen; ja, man hustet dauernd und jedes mal wenn man hustet tut einem zwischen Hals und Fußzehen alles weh; ja, hier stinkts wie im Wanderpuff auf Welttournee; ja, gestern war das Essen scheisse und man hat keine Torte bekommen und ja, die Welt ist furchbar ungerecht.

Aber - und darauf kommt es an - das alles passiert während man mit der Transsibirischen durch die Gegend fährt und keine Ahnung hat was einen am nächsten Tag erwartet.

Alles ist gut! Aber sowat von.