DiegeheimeGemeinschaftderSicherheitsverweigerer

IchbindaetwasaufderSpur.

Einige Zeit hat die Speed Triple gestanden, bis ich mir geschworen habe, dass sich etwas ändern muss. Ein stehendes Motorrad bringt doch niemand weiter. Eine Saison noch, wollte ich sie fahren und mich dann entscheiden. Weiter Motorradfahrer sein, oder die Kiste verkaufen und das Kapitel abschließen. Nach ein paar Kilometern und einiger Zeit in praller Sonne an verschiedenen Ampeln ist mir dann aufgefallen, dass die Zwangspause im Kellerregal meinen teuren und geliebten Schuberth-Helm wohl nicht besonders gut getan hatte.

Das war gar nicht das Klärwerk auf dem Arbeitsweg, das war auch nicht der komische, angeranzte Zotteltyp der mir dauernd über den Weg läuft, das roch plötzlich überall und immer so muffig. Ein neuer Helm musste also auf jeden Fall her. Es ist Sommer, mir ist warm, es wurde ein Jethelm.

Und so nahm das Schicksal seinen Lauf.

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Bildquelle: Flickr.

Gekauft habe ich das gute Stück in Darmstadt. Nicht unbedingt meine Ecke, aber ich war vor Ort, hatte Zeit zu verplempern und fand mich unverhofft in der Nähe eines Fachgeschäfts für Motorraddevotionalien. Irgendwann Nachts musste ich wieder Heim, also Schüssel auf die Rübe und ab auf die Autobahn.

Erster Eindruck: Bäämm mit Doppelvokal!

Das ist wie der Unterschied zwischen Ventilator vorm Bett und nackig Fallschirm springen. Im Gegensatz zum Schuberth'schen Panzerschlitz war ich plötzlich in 8k mit Surround unterwegs. Ganz anderes Fahrgefühl.

Und ganz ehrlich an Gesichtsgulasch mit Zahnparmesan im Sturzfall habe ich in dem Moment wirklich nicht gedacht.

Ein paar Tage später an einer beliebigen Ampel irgendwo im Frankfurter Stadtgebiet. Morgens früh, ich gähne und betrachte das Rotlicht vor dem malerischen Panorama des Höchster Industrieparkts. In meinem Kopf schlägt eine aufziebare Affenpuppe{:class="external" target="_blank"} zwei Zimbeln gegeneinander. Zerebrale Aktivität unter der Nachweisgrenze.

Neben mir hält ein anderes Motorrad. Darauf ein Typ in einer Art Fliegerbluson, Jethelm, Jeans, Business taugliche Schuhe. Grinst, nickt, braust bei rotgelb davon. "Netter Typ", denkt der Affe. Ich lege den Ersten ein und fahre hinterher.

Fast forward: Wieder ein paar Tage später. Sontags früh, die Sonne steht im Zenit und es besteht akuter Bedarf nach Backwaren. Dieses Mal unterwegs mit der Bonneville T100, die ich manchmal bewegen darf aber nicht besitzen muss. Schönes Retromoped mit Wohlfühlcharakter.

Ich will gerade die Jacke anziehen, da steigt mir so ein leicht animalischer Geruch in die Nase. Ich dache eigentlich so eine Lederjacke wäre schon tot? Liegt vielleicht auch daran, das ich sie ziemlich häufig komplett verschwitzt an hatte. Erst mal auslüften das Teil.

Was soll's? Ich springe im T-Shirt auf die Bonnie. Schneller als mit einem Roller bin ich jetzt auch nicht unterwegs, und die Rollerfahrer sind doch alle immer in Flip-Flops und T-Shirts unterwegs, geht die unvernünftige Rechtfertigung.

Zugegeben: Schön ist's ja schon. Der Wind weht einem um's Bauchfell, die Klamotten flattern lustig durch die Gegend und ich fühle mich wie im Urlaub. Könnte nun auch ein Mietroller in Thailand sein, anstatt ein Motorrad zwischen zwei Vororten.

Angekommen beim Globalisierungsbäcker mit Cafebetrieb rolle ich auf den Hof, parke am abgesenkten Bürgersteig, hüpfe vom Mopped, pfeife eine lustige Weise und laufe volle Kanne gegen eine Mauer der Ablehnung. Ich stehe vor einem Tisch voller echter Mopedfahrer.

Ich bewege die Dinger ja nur, in die Kultur bin ich nie so richtig rein gekommen. Vor mir allerdings, da sind sie, die echten: Schlüssel auf dem Tisch deponiert, Lederkombis in Markenfarben, klobige Stiefel, Sonnenbrillen, jedem zweiten Stuhl ziert ein schön mittig auf der Sitzfläche positionierter Helm und die meisten tragen einen - auch als Schildkröte bekannten - Rückenprotektor, während sie konzentriert versuchen auch die letzten Rühreikrümel aufs Brötchen zu laden.

Neonfarbene Warnwesten sehe ich allerdings keine. So perfekt sind meine Klischees dann doch nicht.

Feindseelige Blicke treffen mich. Wenn die Jungs mir tief in die Augen schauen würden, wäre meine Kurzsichtigkeit wahrscheinlich umgehend weggelasert. Mein Hinterkopf vermutlich ebenfalls.

So fühlt sich ein altes Murmeltier kurz vor dem Winter, wenn es zurück in den Bau will und plötzlich in einen halbkreis ablehnder Murmeltieraugen schaut. Du wohnst hier nicht mehr. Leises aber bedrohliches Murmeltierknurren.

Einen schmerzlosen Brötchenkauf später will ich gerade vom Hof rollen, da donnert eine alte BMW GS vorbei. auf dem ölfassgrossen Enduroviech sitzt ein Typ mit unter der Braincap hervorquellenden Haupthaar in T-Shirt und kurzen Hosen und zeigt mir lässig im Vorbeifahren die Rock'n'Roller Hand.

Irgendwann unter der Woche: Vor der Haustür sitze ich in kurzen Hosen auf der Speed Triple bei laufendem Motor und prüfe ob die neu ins Cockpit verlegte Stromversorgung tut wie sie soll, ein Typ fährt im Muscleshirt auf einer Harley vorbei und ruft mir irgendwas freundliches zu, dessen genauer Wortlaut im Donnergewitter des quasi nicht vorhandenen Auspuffs unter geht.

Wenig später, wieder unterwegs mit der Bonnie, wieder mit minimal zulässiger Schutzkleidung, Ghettofaustet mich ein mir völlig unbekannter an der Ampel und so langsam flackert eine trübe Funzel in den endlosen, dunklen Hallen meines Geistes auf.

Irgendwas stimmt hier doch nicht? So oft bin ich noch nie gegrüsst worden. Schon gar nicht von diesen schrägen Typen, die so gar nicht nach Motorrad aussehen.

Gibt es eine geheime Gesellschaft der Sicherheitsverweigerer? Einen Kreis von Menschen, von denen die materialisierte Unvernunft des Motorradfahrens gefeiert wird? Oder vielleicht sogar Menschen die einfach fahren? Einfach so? Ohne irgendwas? Helm auf, Schüssel rum? Broooooooom? Muss das überhaupt sein? Und wenn etwas passiert? Ist das vernünftig oder einfach nur ein Ausweg aus der Vollkaskogesellschaft? Haben Erwachsene statt Helikopter-Eltern einfach nur ein Helikopter-Gewissen, ein omnipräsentes Über-Ich, das uns ständig nur ein "Was wäre wenn?" ins Ohr flüstert? Und überhaupt! Muss man ständig alles mit Bedeutung aufladen?

Ehrlich gesagt: Keine Ahnung. Von gar nix. Ich werde das weiter beobachten. Und vielleicht einfach mal nur in Badehose zum Schwimmbad fahren. Mal schauen, wen ich dann unterwegs so treffe.

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